
In unserer Arbeit als freie Journalist:innen merken wir, dass viele unserer Auftraggeber:innen nicht nachvollziehen können, wie unser Einkommen zustande kommt. Daher hier ein kleines Rechenbeispiel.
Nehmen wir einmal einen Tagsatz von 250 Euro (inklusive Mehrwertsteuer).
Wer nicht weiß, wie Selbständige arbeiten, könnte meinen: „250 mal 5 Tage die Woche, das sind 1.250 Euro die Woche – vier Wochen hat ein Monat, das sind 5.000 Euro. Also ein Top-Einkommen!
Genau. 5.000 Euro pro Monat sind ein schönes Gehalt.
Aber rechnen wir mal.
2026 haben wir in Österreich – beziehungsweise in Wien – 251 Werktage. Wer angestellt ist, hat mindestens fünf Wochen Urlaub, also 30 Tage. Manche der unselbständig Erwerbstätigen auch mehr, aber lassen wir das mal beiseite. Jedenfalls sollten auch für Selbständige zumindest fünf Wochen Erholung drin sein. Also: ziehen wir von den 251 Werktagen 30 ab: Dann sind wir bei 221 Tagen.
Und: Auch Selbstständige werden bisweilen krank. Wie viele Tage im Jahr, ist statistisch nicht erfasst. Für Angestellte dokumentiert ein Report 9,2 Krankenstandstage pro Jahr. Wenn wir davon ausgehen, dass wir in etwa so gesund sind wie der Rest der Bevölkerung, müssen wir auch diese Zahl subtrahieren. Wir sind also bei rund 213 Tagen.
Das ist aber bei weitem nicht alles. Was nämlich oft ausgeblendet wird, ist die administrative und investive Arbeit. Also Zeit, die wir nicht verrechnen können. Und da fällt ziemlich viel an. Für Journalist:innen zum Beispiel: Geschichten vorrecherchieren und pitchen. Redaktionen kontaktieren, noch einmal kontaktieren, ein drittes Mal kontaktieren. Ein Netzwerk aufbauen und pflegen. Büroinfrastruktur aufrechterhalten (sprich: die Herumärgerei mit kaputten Druckern und Updates, die Dateien fressen). Fortbildungen buchen und besuchen. Ab und zu etwas anschauen, sich mit jemand treffen, ohne zu wissen, ob tatsächlich ein Auftrag daraus wird. Vorträge und Veranstaltungen besuchen, Artikel lesen, um in unseren jeweiligen Fachgebieten up to date zu bleiben. Rechnungen schreiben. Belege sammeln und sortieren. Steuererklärung machen. Die vielen „Kannst-du-mal-kurz“-Bitten abarbeiten („Kannst du mal kurz deinen CV und ein Foto von dir durchschicken?“, „Kannst du mal kurz XY anrufen und fragen, ob sie zur Präsentation kommen kann?“, „Kannst du mir mal kurz einen Kontakt von YZ geben?“).
Das ist Arbeit, die sich nicht von selbst erledigt, und die uns niemand bezahlt. Die meisten von uns schätzen sie mit 20 bis 30 Prozent ihrer Arbeitszeit ein. Nehmen wir die goldene Mitte: 25 Prozent.
Ein Viertel von 213 Tagen sind 53,25 Tage. Das ist die Zeit, in der wir kein Geld verdienen. Wenn wir diese subtrahieren, sind wir bei rund 160. Das ist die Anzahl jener Tage, die wir – im Durchschnitt – verrechnen können.
Nehmen wir nun einen Tagsatz von 250 Euro inklusive Mehrwehrtssteuer her. Um letztere müssen wir uns übrigens ohnehin keine Gedanken machen, denn auf die Grenze von 55.000 Euro Umsatz, ab dem wir diese verrechnen müssen, werden wir bei einem solchen Tagsatz ohnehin nicht kommen.
Also: 250 Euro x 160 Tage sind: 40.000 Euro. Das ist unser Jahresumsatz.
Okay, das ist dann also das Bruttoeinkommen, oder?
Nein! Wir haben einiges vergessen. Denn wir brauchen auch Dinge, mit denen wir arbeiten. Die Angestellte von ihren Arbeitgeber:innen bekommen. Zum Beispiel einen Arbeitsplatz. Fachliteratur. Seminare. Büromaterial. Computer. Reisekosten. Eintrittsgelder.
Nicht alle von uns haben daheim ein Arbeitszimmer, in dem sie konzentriert werken können. Auch wir wollen bisweilen abends die Türe hinter unserer Arbeit schließen. Für einen halbwegs anständigen Büroplatz in Wien können wir mindestens 350 Euro pro Monat einrechnen. Zusätzlich noch, aber das ist sehr niedrig kalkuliert, rund 150 Euro an weiteren Kosten: Computer, Telefon, die Kaffees, auf die wir unsere Interviewpartner:innen einladen, Bürozeug, Fachliteratur, Digital- und Analogabos (die meisten von uns haben keinen APA-Zugang), Eintritte, die wir für unsere Fortbildung brauchen, ab und zu ein Seminar. Damit sind wir bei insgesamt 500 Euro pro Monat und 6.000 Euro pro Jahr. Ein Lehrgang ist da aber eher nicht drin, schon gar kein Seminar im Ausland, für das wir Reisekosten investieren müssen.
Die 6.000 Euro müssen wir wegrechnen von unserem Umsatz von 40.000 Euro. Da sind wir bei 34.000 Euro. Das ist unser Gewinn.
Und diese Zahl geben wir mal in einen Brutto-Netto-Rechner für Selbstständige ein.* Nach Zahlung von SVS (also unseren Kranken- und Pensionsbeiträgen) sowie Steuern bleiben 23.227 Euro übrig, jedenfalls, wenn wir keine Kinder haben.** Für ein Jahr. Wenn wir diese Zahl durch 14 dividieren – analog zu den 14 Bezügen von Angestellten – sind wir bei 1.659,07 Euro. Das ist unser Netto-Monatseinkommen (es ist übrigens nicht hyperkorrekt gerechnet, da das 13. und 14 Monatseinkommen bei Angestellten steuerbegünstigt ist und somit etwas mehr übrig bleibt).
Aber schon wieder haben wir etwas vergessen: Im Gegensatz zu Angestellten haben wir nämlich nur ein löchriges soziales Netz, denn wir sind nicht arbeitslosenversichert. Zumindest die meisten von uns, denn die SVS bietet zwar eine freiwillige Arbeitslosenversicherung an, aber die nimmt kaum jemand in Anspruch, da sie völlig realitätsfern gestaltet ist. Aus diesem Grund sollten wir Reserven aufbauen. Wenn wir mal länger krank sind, wenn die Auftragslage schlechter ist oder andere Fälle eintreten, bei denen man als Arbeitnehmerin automatisch abgefedert ist. So sollten wir einen Betrag von zumindest 100 Euro pro Monat auf die Seite legen, jedenfalls die Jüngeren unter uns (die Älteren haben sich hoffentlich schon ein Polster aufgebaut).
Dann sind wir bei minus 1.200 Euro, also 22.027 Euro pro Jahr netto bzw. bei 1.573,36 Euro 14 mal im Jahr.
Und hier einige Zahlen zum Vergleich:
Die Armutsgefährdungsgrenze in Österreich liegt bei 1806 Euro pro Monat für einen Einpersonenhaushalt, 12 mal pro Jahr, also bei 21.672 Euro jährlich.
Die kürzlich ausverhandelten Mindestlöhne für angestellte Journalist:innen laut KV (gültig ab 1. Juni 2026) liegen bei 3.457 Euro brutto pro Monat im ersten Redaktionsjahr, das sind laut AK-Brutto-Netto-Rechner pro Monat netto 2.430,13 Euro (13. und 14. Monatsgehalt sind, wie gesagt, höher), pro Jahr netto 34.588,51 Euro.
In der sogenannten Regelstufe liegt sie bei 3.911 Euro brutto monatlich (38.236,81 netto pro Jahr). Die meisten, die schon länger in der Branche tätig sind, haben ein höheres Einkommen.
Auch wir sind zumeist schon länger in unserem Beruf tätig.
Das Medianeinkommen in Österreich bei Vollzeitbeschäftigten liegt bei brutto 55.678 Euro. Netto sind das 38.727,80 Euro.
Was wir hier noch gar nicht eingerechnet haben, sind die Dienstgeberanteile. Denn für unsere Kollegin im ersten Redaktionsjahr, die 3.457 Euro pro Monat brutto verdient, zahlt ihre Zeitung laut Brutto-Netto-Rechner des Finanzministeriums 62.604 Euro, für etwas länger Beschäftigte 70.825,98 Euro. Und das Medianeinkommen kostet Dienstgeber:innen 72.021,16 Euro.
Hier noch mal zur Übersicht die Jahreseinkommen:
Nettoeinkommen freie Journalist:in bei einem durchschnittlichen Tagsatz von 250 Euro brutto: 23.227 Euro
Nettoeinkommen freie Journalist:in bei einem durchschnittlichen Tagsatz von 250 Euro brutto mit einem Eigenanteil für eine minimale soziale Sicherheit: 22.027 Euro
Armutsgefährdungsschwelle Österreich für eine Einzelperson: 21.672 Euro
KV-Mindest-Nettoeinkommen Redakteur:innen im ersten Berufsjahr: 34.588,51 Euro
Kosten Dienstgeber Redakteur:innen im ersten Berufsjahr: 62.604 Euro
KV-Mindest-Nettoeinkommen Redakteur:innen in der Regelstufe: 38.236,81 Euro
Kosten Dienstgeber Redakteur:innen in der Regelstufe: 70.825,98 Euro
Netto-Medianeinkommen Österreich bei Vollzeitbeschäftigten: 38.727,80 Euro
Kosten Dienstgeber Medianeinkommen: 72.021,16 Euro
Aber drehen wir die Sache mal um. Wie hoch muss unser Umsatz sein, damit uns am Ende so viel bleibt wie unseren angestellten Kolleg:innen? Dafür müssen wir deren jährliches Nettogehalt von 38.236,81 Euro – gehen wir von der Regelstufe aus, wie gesagt sind die wenigsten von uns Greenhorns – erzielen.
Um ein Nettoeinkommen von 38.236 zu erzielen, müssen wir als Selbstständige 63.315 Euro Gewinn machen. Nach Abzug unserer Kosten von 6000 Euro. Die müssen wir also addieren. Dann sind wir bei 69.315 Euro. Und wenn wir diese durch 160 Euro teilen: 433,22 Euro.
Dazu müssen wir noch die Umsatzsteuer von 20 Prozent rechnen: Denn ab 55.000 Euro Umsatz pro Jahr müssen wir diese ja abführen. Wenn sie uns nicht bezahlt wird, dann müssen wir sie aus unserer eigenen Tasche berappen.
Darin sind natürlich keinerlei Rücklagen enthalten. Wir agieren ohne Netz.
Nun machen wir mal ein Gedankenexperiment. Was wäre, wenn unsere Arbeit Auftraggeber:innen gleich viel wert wäre wie die ihrer Angestellten? Wenn berücksichtigt würde, dass wir ein unternehmerisches Risiko tragen und uns selbst um unsere Absicherung kümmern müssen? Dafür müssten wir den Dienstgeberanteil einrechnen. Das wären im Fall eines Redakteurs, einer Redakteurin in der Regelstufe 76.825,98 Euro. Geteilt durch 160 Tage ergibt das: rund 480 Euro pro Tag. Zuzüglich 20 Prozent Umsatzsteuer.
Das bedeutet, dass ein Tagsatz von 250 Euro inklusive Umsatzsteuer kein faires Honorar ist.
Und es bedeutet auch: Wenn wir für einen Text, der 10.000 Zeichen umfasst, 550 Euro erhalten, dann sollten wir nicht viel länger als zehn Stunden Zeit dafür benötigen. Wollen wir das alle wirklich?
* Wir gehen davon aus, dass wir nicht in den ersten Jahren als Selbständige sind – dann sind nämlich die SVS-Beiträge niedriger. Wir müssen die Differenz dann aber in den Jahren darauf ohnehin nachzahlen.
**Wir gehen hier der Einfachheit halber davon aus, dass wir keine Kinder haben und Vollzeit arbeiten.